Tommy Engel im Interview: Kölle, Fööss & Festivals

Auf „Dat Kölsche Songbook“ hat Tommy Engel (68) seine ganz eigenen Perlen der kölschen Musik sowie einen Welthit versammelt und dabei in ein völlig neues musikalisches Gewand gekleidet. Derzeit ist er mit Jürgen Fritz (Klavier und Orgel), dem früheren BAP-Gitarristen Helmut Krumminga, Hans Maahn am Bass und Alex Vesper am Schlagzeug unterwegs, um diese Songs und mehr live zu präsentieren. Anlass genug für Jeckes.NET, mit dem Kölner Urgestein über Gott und die Welt – und natürlich kölsche Musik – zu plaudern.

Tommy, dein „Kölsches Songbook“ sammelt Perlen des kölschen Liedguts aus den vergangenen Jahrzehnten. Aber welche Perlen hat die Domstadt selbst in den letzten Jahrzehnten hervorgebracht? Was hat sich in Köln zum Guten, was zum schlechten verändert?
Ach, weißte (lacht) … Ich war kürzlich in Dresden und muss sagen: Da ist sehr viel passiert. Ich bin aus dem Staunen nicht mehr rausgekommen und habe mich gewundert, wie schön man eine Stadt machen kann. Dabei haben allerdings schon die Preußen mitgeholfen, indem sie große Plätze erlaubt haben, die Köln heute fehlen. Köln hat schlechte Karten, weil es dörflich angelegt ist. Selbst die Neustadt ist nicht unbedingt großzügig gestaltet – bis auf die Ringe. Dann die ganzen Fehler in den 1970ern … Die Stadt ist größtenteils einfach nicht schön. Wer das behauptet, hat nur den Blick von Deutz über den Rhein auf die Altstadt im Kopf. Wenn wir den Fluss nicht hätten, wären wir sowieso arm dran. Aber: Wir Kölner sind glücklich mit dem was wir haben. Das ist unsere Heimat und wir machen das Beste draus. Vielleicht ist das die Perle: Die Kölner selbst und ihre Liebe zu ihrer Stadt.

Was ist für Dich der beste kölsche Song aller Zeiten? Es darf auch ein eigener sein!
Puh, das ist schwer. Da gäbe es so viele zu nennen. Tolle Lieder gibt es etwa von Gerd Köster. „Ze vill Jepäck“ zum Beispiel, das ist ja auch auf meinem Songbook drauf. Wolfgang Niedecken hat wunderschöne Songs geschrieben … „Do kanns zaubere“ ist einer der Besten von ihm. Es gibt herrliche Sachen von Willi Ostermann, aber so weit nach hinten möchte ich gar nicht gehen, da wird man ja nie fertig. „En unserem Veedel“ von den Fööss ist auch so ein zeitloses Ding. Eigentlich hätten wir danach aufhören können (lacht). Ach nee … ich kann mich nicht entscheiden. Das ist wirklich ein Luxusproblem. Man kann sich glücklich schätzen, dass es einen so großen Fundus gibt.

Ist gerade mit seinem „Kölschen Songbook“ auf Tournee: Tommy Engel // Foto: Alexander Kuffner

Du hast vor sechs Jahren in einem Interview erzählt, dass der bekannte Kölner Musikproduzent Conny Plank mal zu dir gesagt hat: „Ich möchte Dich, Arno Steffen und Hans Süper ins Studio sperren und die Türe abschließen. Und dann lasse ich ein Band laufen. Entweder habt ihr euch am nächsten Morgen die Köpfe eingeschlagen oder es ist eine komplette CD entstanden.“ Wahrscheinlich habe Conny Recht gehabt, hast du darauf gemeint. Und dass man das mal versuchen müsste, bevor alle ableben. Wann ist es denn soweit?
(Lacht) Ja, dass wär ein Ding. Wenn da jemand auf mich zukäme, würde ich auf keinen Fall „Nein“ sagen. Der Hans und der Arno, das sind schon richtig gute Leute. Aber vielleicht bräuchten wir da einen Kapitän, der uns währenddessen aus den Untiefen herausholt. Ich habe da nach wie vor kein Problem mit der Idee …

Kölsch zu sprechen gilt nicht mehr unbedingt als „asi“ wie noch vor zwanzig, dreißig Jahren. Ich habe den Eindruck, es wird wieder ein wenig schicker, auch bei den Jüngeren. Vielleicht nur einige Ausdrücke und hauptsächlich zu Karneval, okay. Findest Du das gut? Oder besser ganz oder gar nicht?
Ich glaube auch, dass Kölsch mittlerweile wieder ein bisschen in Mode ist. Ich meine nicht die Bands, sondern deren Zuhörer. Viele sprechen es nicht, aber singen es wenigstens. Klar, das ist in jedem Fall besser als gar nix. Wir müssen allerdings darauf achten, die Sprache nicht zu sehr zu verdrehen. Natürlich ändert sich eine Muttersprache laufend. Aber es gibt ganz gewisse Dinge, die dürfen sich nicht ändern, sonst sind sie schlicht falsch und man hängt sprachlich in Eschweiler oder Düsseldorf. Wer nicht wirklich mit dieser Muttersprache aufgewachsen ist – und das sind ja nicht mehr viele – der muss sich eben orientieren. Ich empfehle da immer den „Neuen kölnischen Sprachschatz“ von Adam Wrede. Da fühle ich mich bestens aufgehoben. Wrede hat zum Beispiel den Buchstaben „G“ komplett eliminiert. Die „Akademie för uns kölsche Sproch“ sieht viele Sachen anders, das stimmt in meinen Augen oft nicht. Und ich habe einen eingebauten „Falsch-Kölsch-Detektor“, das hat Arno Steffen mal gesagt (lacht). Tatsächlich kann ich hören, ob jemand von der linken oder von der rechten Rheinseite stammt.

Du hast sie schon angesprochen: In den letzten zehn Jahren sind viele neue kölschen Bands aufgetaucht …
So ist es. Ich kenne viel davon, auch wenn ich mir nicht alles anhöre. Ich bin schließlich der alte Käse und das sind alles junge Holländer. Viele der jungen Bands würden allerdings bei einem Palaver unter alten Kölschen in der Südstadt in Grund und Boden jeschwadt. Ich will das aber nicht überdramatisieren oder jemandem weh tun. Die meisten Songs finde ich trotzdem Klasse!

Wäre es nicht mal an der Zeit für ein kölsches Festival? Nicht „Jeck im Sunnesching“, nicht „Die lachende Kölnarena“, kein Karneval – ein echtes Sommer-Open Air an zwei, drei Tagen mit Zelten und zehntausenden Zuschauern. Zum Abschluss die große Reunion der Bläck Fööss nur für diesen einen Tag und ein „Arsch huh“-All Stars Konzert. Das wäre doch ein Träumchen …
Da hast du vollkommen recht. Keine Ahnung, warum das bisher niemand gemacht hat. Ich wär dabei, schieb das doch mal an (lacht)! Damit würde man auf jeden Fall genug Leute locken können. Allerdings muss man natürlich erst mal alle Bands zusammen bekommen, das ist nicht gerade einfach und erst recht nicht billig. Trotzdem dürfte nicht so viel Eintritt verlangt werden. Das müssten sich auch Familien problemlos leisten können. Wäre auch toll, wenn man sich selbst verköstigen dürfte.

Die Runderneuerung der Bläck Fööss ist in vollem Gange – in zehn Jahren oder so wird vielleicht eine völlig neue Band auf der Bühne stehen. Hältst du das für eine gute Idee?
Ich glaube das ist eine Frage des Standpunkts – eben ob man in der Band spielt oder danebensteht. Ich bin da geteilter Meinung. Manchmal ist es gut, wenn man sagt „Das war es jetzt“. Dann sind wir alle kölsche Legenden und fertig. Andererseits ist da sicher immer noch die Leidenschaft, gepaart mit einem gesunden Erwerbssinn. Das ist auch gut so. Man kann natürlich damit leben und alt werden. Ein Gerhard Richter etwa malt mit seinen 86 Jahren auch immer noch. Das macht der nicht wegen des Geldes, sondern weil er Lust drauf hat. So etwas ist der pure Luxus als Künstler. Oder guck dir die Stones an – wenn ich den Charlie Watts am Schlagzeug sehe denke ich immer, die haben einfach Spaß. Warum soll man dann aufhören? Entscheidend ist allerdings immer, welche Songs komponiert werden. Daran muss sich jeder messen lassen, damit steigt oder fällt auch die Marke Bläck Fööss in Zukunft. Die neuen Leute werden sicher da reinwachsen. Den Pit Hupperten, den neuen Gitarristen, haben wir ja in unserer Band sieben Jahre gut angelernt (lacht).

Tommy Engel: „Ein kölsches Festival: Das wär doch mal was!“ // Foto: Alexander Kuffner

Mal angenommen, du hättest dich 1994 nicht von der Band getrennt: Würdest du heute noch mit den Fööss auf der Bühne stehen oder hätte dich bereits jemand ersetzt?
Och Jott, über die Frage müsste ich mal eine Woche lang nachdenken. Das kann ich so nicht beantworten, ist mir zu hypothetisch. Was die Trennung damals angeht, das war … Nein, ich versuche es mal so: Ein Essen muss schmecken. Da kannst du so toll kochen, wie du willst. Und Musik muss Spaß machen – nicht nur dir selbst, sondern auch in der Gemeinschaft mit einer Band. Wenn man aber merkt, dass es mit den Leuten zusammen nicht mehr geht, dann muss man das akzeptieren. Die Harmonie in einer Band muss stimmen. Dann ist da noch die Frage, ob man mit der Musik einverstanden ist. Das war ich bei den Fööss nicht immer. Manche Lieder wollte ich einfach nicht singen, das ging nicht. „Moni hat geweint“ zum Beispiel. Ich habe gesagt, dass das keine Nummer für mich ist und die viel besser zu Bömmel passen würde. Trotzdem gab es ein großes Palaver. Am Ende hat Bömmel die Nummer trotzdem gesungen und es hat wunderbar funktioniert. Dann wurde aber nicht gesagt „Mensch Tommy, haste Recht gehabt“, oder so. Ich brauche jetzt nicht ständig Schulterklopfer. Trotzdem wäre es manchmal schön gewesen, mehr positives Feedback zu bekommen. Aber ich will jetzt nicht alles wieder hochholen. Du siehst: Das Thema Bläck Fööss ist für mich nie abgehakt. Rolf Lammers hat mal gesagt: „Einmal ein Fooss immer ein Fooss“. Da ist auch was dran. Ich gucke immer noch, wie und was bei denen läuft. Die Band war wie ein Kind, dass ich mit aus der Taufe gehoben habe. Und durch die ganzen alten Sachen ist man bei den Leuten ja nach wie vor als Sänger im Kopf.

Kannst du dich eigentlich daran erinnern, wann du zuletzt so richtig Karneval gefeiert hast?
So richtig nicht. Das muss Anfang der Neunziger gewesen sein. Ich bin früher immer an Karnevalsdienstag mit den „Sülzer Jonge“ durch die Kneipen gezogen. Wir hatten so einen Trömmelchenverein und sind damit in unseren blauen Jacken trommelnd losgezogen.

Stand Tommy Engel da in der Kneipe und hat seine eigenen Lieder mitgesungen?
Ja klar. Aber ich war einer von den „Sülzer Jonge“, nicht der Tommy Engel von den Fööss. Da wurde eben mitgespielt und gesungen, was aus der Musikbox kam.

Bist du musikalisch in einer bestimmten Zeit „hängengeblieben“, oder hörst du auch aktuelle Musiker und Bands?
Ich höre für einen Musiker eher selten Musik. Und wenn, dann hab ich mein Sammelsurium immer dabei (holt sein Smartphone heraus). Im Grunde genommen ist da alles drauf, was man haben muss (scrollt durch seine Musikdateien). Oh, hier: Albano und Romina Power (lacht). Keine Angst, das ist nur „Felicita“, das haben wir mal für den „Weihnachtsengel“ gemacht. Ansonsten Dire Straits, Dolly Parton, Elvis Costello, Eric Clapton, Frank Sinatra, U2, Sting, Gerd Köster nicht zu vergessen. Aber auch Joe Cocker, Kraftwerk, natürlich alles von LSE und Willi Ostermann als Lexikon zum Nachhören, dazu Pink Floyd, Queen, Miles Davis … manchmal bin ich in einer Stimmung, da brauche ich einfach Miles Davis …

Ich sehe wenig Modernes.
Ja, da hast du wohl recht. Davon abgesehen kann ich sowieso nur Musik hören, wenn ich mich voll darauf konzentriere. Dann setze ich mich in meinem Wintergarten und höre intensiv zu. Da kann dann schon mal ein Karlheinz Stockhausen laufen, den ich auch bis zum Schluss durchhalte. Musik darf weh tun, muss es manchmal sogar. Jedenfalls mache ich nichts nebenher. Viele können ja nebenbei ihre Lala laufen lassen oder brauchen das sogar. Für mich ist das nichts, entweder ganz oder gar nicht. Ich bin auch noch nie bei einem Film eingeschlafen. Wenn mir was nicht gefällt, mache ich es aus oder gehe.

Tour-Termine

Tommy Engel ist momentan viel im Rheinland unterwegs, zum Beispiel am 20. April in Köln-Chorweiler (Bürgerzentrum), am 21. April in Troisdorf (Zur Kütz/Ausverkauft), am 28. April in Wipperfürth (Alte Drahtzieherei), am 8. Juni in Bergisch Gladbach (Konrad Adenauer Platz), am 9. Juni in Brühl (Rathausinnenhof/Ausverkauft) und vom 31. August bis zum 9. September an sechs Abenden in der Volksbühne am Rudolfplatz.

Viele weitere Termine und Tickets unter diesem Link.

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